Hüfners Wochenkommentar: 2010 wird ein gutes Konjunkturjahr
Hüfner8. Januar 2010. FRANKFURT. (Börse Frankfurt). In den meisten Konjunkturprognosen wird 2010 als Jahr des Übergangs gesehen. Nach dem tiefen Einbruch in 2009 wird es wieder Wachstum geben. Die Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts wird jedoch gering bleiben. Erst 2011 ist mit einer stärkeren Expansion zu rechnen. Nach den Vorhersagen der OECD beispielsweise ergibt sich für Deutschland in diesem Jahr ein Plus von 1,4 Prozent, im nächsten von 1,9 Prozent. Das Weltwirtschaftliche Institut in Kiel sieht die Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts 2010 bei 1,2 Prozent und 2011 bei 2 Prozent.
Auf den ersten Blick erscheint ein solches Verlaufsmuster des Aufschwungs plausibel. Es entspricht dem Bild des konjunkturellen “W”. Danach geht es 2010 noch nicht so richtig aufwärts. Es gibt die kleinen Aufs und Abs zwischen den beiden großen Strichen des “W”. Erst 2011 kommt der befreiende Aufstrich nach oben. Ich war lange Zeit ein Verfechter des “W”. Inzwischen kommen mir aber Zweifel.
Es gibt nämlich gute Gründe, weshalb das Wachstum 2010 vor allem in Deutschland (aber auch in anderen Staaten) besser ausfallen wird als bisher angenommen. Das ist aber nicht viel mehr als ein Strohfeuer. Das Jahr 2011 wird deshalb entsprechend schlechter.
Schauen wir uns am Beispiel Deutschlands zunächst die Faktoren an, die das Wachstum in diesem Jahr treiben könnten. Das ist einmal der statistische Überhang. Derzeit (also Anfang 2010) liegt das reale Bruttoinlandsprodukt bereits um fast 1 Prozent über dem Durchschnitt des vergangenen Jahres. Das bedeutet: Selbst wenn es in diesem Jahr überhaupt keine Aufwärtsentwicklung mehr geben würde, hätten wir rein statistisch bereits ein Wachstum in dieser Größenordnung “im Kasten”. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sich in diesem Jahr gar nichts mehr bewegt. Vor allem beim Export wird sich noch Einiges tun. Der Welthandel nimmt zu. In China besteht die Gefahr der Überhitzung. In den letzten sechs Monaten hat sich die deutsche Ausfuhr mit einer Jahresrate von knapp 20 Prozent erhöht. Selbst wenn man annimmt, dass sich dieses Tempo deutlich abschwächt, bleibt noch ein erkleckliches Plus. Das wirkt sich bei der hohen Exportquote in Deutschland (knapp 50 Prozent) natürlich stark auf das Wachstum aus.
Hinzu kommen die Impulse von den öffentlichen Finanzen. Nach allen vorliegenden Schätzungen wird sich der Fehlbetrag in den öffentlichen Haushalten von rund 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in 2009 auf 5 bis 6 Prozent in 2010 fast verdoppeln. Hier schlagen sich die noch nicht ausgegebenen Milliarden des Konjunkturprogramms nieder. Dazu addieren sich die Wirkungen des “Wachstumsbeschleunigungsgesetzes”, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, sowie konjunkturbedingte Steuerausfälle und Ausgabenzuwächse. All das wird rein saldenmechanisch unmittelbar zu Wachstum.
Die monetären Rahmenbedingungen, also Zinsen und Liquidität, sind nach wie vor günstig. Wer Geld braucht (und dies auch bekommt, hier liegt natürlich der Pferdefuß), kann sich so billig verschulden wie schon lange nicht mehr. Das ist ein Grund für die vielen Unternehmensanleihen. Die Voraussetzungen für Investitionen sind von dieser Seite her also gut. Interessant ist, dass die sogenannte Geldmenge M1 (Bargeld und täglich fällige Sichteinlagen) derzeit außerordentlich schnell steigt (zuletzt plus 12,6 Prozent). Das wird von manchen als Zeichen interpretiert, dass sich Konsumenten und Investoren mit ihrer Geldhaltung darauf vorbereiten, dass die Zeit für größere Ausgaben bald kommen könnte.
All das spricht dafür, dass es in diesem Jahr ein konjunkturelles Strohfeuer mit Wachstumsraten von wenigstens 2, vielleicht sogar 3 Prozent geben wird. JP Morgan geht in seiner Prognose für Deutschland schon auf 3,3 Prozent. Im nächsten Jahr fällt das Feuer dann aber wieder in sich zusammen. Denn dann werden diese Faktoren nicht mehr so positiv sein. Es wird wenn überhaupt einen viel geringeren statistischen Überhang geben. Die Dynamik des Welthandels wird nicht mehr so spektakulär sein. Die öffentlichen Defizite müssen zurückgehen. Wenn die deutsche Bundesregierung tatsächlich 2011 die Einkommensteuern senken sollte, dann wird sie Abgaben an anderer Stelle erhöhen müssen, damit das Defizit nicht zu stark ansteigt. Die Zinsen werden höher sein.
Ein solcher Weg aus der Rezession mit zuerst viel und dann weniger Wachstum ist im Übrigen nicht ungewöhnlich. Fast alle Konjunkturaufschwünge in der Vergangenheit waren dadurch gekennzeichnet, dass das Wachstum im Jahr 1 der Erholung wesentlich höher war als im Jahr 2. Das gilt nicht nur für die Bundesrepublik, sondern in gleicher Weise beispielsweise auch für die Vereinigten Staaten. Es gilt auch nicht nur für die 60 Jahre der Nachkriegszeit, sondern etwa auch für die Erholung nach der großen Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Leider ist es den Volkswirten in den seltensten Fällen gelungen, so etwas vorherzusagen. Es gibt hier so etwas wie eine “Angst vor der konjunkturellen Dynamik”. Im Aufschwung wollen die Prognostiker nicht als zu optimistisch gelten und unterschätzen daher die Dynamik. Im Abschwung wollen sie umgekehrt nicht als Pessimisten dastehen und sind mit ihren Vorhersagen zu vorsichtig. Wir haben das gerade im letzten Jahr wieder erlebt. Zur Ehrenrettung muss man freilich sagen, dass es sehr schwer ist, die Dynamik des Aufschwungs richtig zu modellieren. Hier spielen ja nicht nur ökonomische Gesetze eine Rolle. Hier gibt es auch viel Psychologie und Herdenverhalten. Unter den großen deutschen Konjunkturinstituten kommt meines Wissens bisher nur das Münchner ifo Institut zu dem Ergebnis, dass das Wachstum 2011 niedriger sein wird als 2010. Unter den Privaten findet man bei Goldman Sachs und Morgan Stanley solche Gedanken.
Für den Anleger
Wenn es wirklich der Fall sein sollte, dass das Wachstum 2010 höher ist als vielfach erwartet, dann werden auch die Gewinne der Unternehmen schneller steigen. Die Aktienmärkte werden sich entsprechend positiv entwickeln. Wenn sich dann aber im Verlauf des Jahres herausstellen sollte, dass das Ganze nur ein Strohfeuer ist und dass auf das gute 2010 ein entsprechend schlechteres 2011 folgen wird, dann wird sich auch die Stimmung an den Aktienmärkten im zweiten Halbjahr abkühlen. Inflationsgefahren sind auch bei einer besseren Konjunktur 2010 nicht zu befürchten. Trotzdem könnte es sein, dass die Europäische Zentralbank die Gunst der Stunde nutzt und die Zinsen früher erhöht, als erwartet. Das könnte sich psychologisch negativ auf die Bondsmärkte auswirken.
© 8. Januar 2010 / Martin Hüfner
Dr. Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank in München und der Deutschen Bank in Frankfurt. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die New York Times, das Wallstreet Journal oder die Financial Times.
© Deutsche Börse AG
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