Hüfners Wochenkommentar: Ehrenrettung für Bonds
Hüfner22. Januar 2010. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Bonds sind bei privaten Investoren derzeit out. Wenn es eine Gemeinsamkeit bei den Anlageempfehlungen für 2010 gibt, dann ist es die: Von festverzinslichen Wertpapieren sollte man die Finger lassen. Es gibt 2010 einen riesigen Refinanzierungsbedarf nicht nur des Staates, sondern auch der Banken und der Unternehmen. Er wird mit sich bessernder Konjunktur noch steigen. Das treibt die Zinsen nach oben und lässt die Kurse entsprechend fallen. Darüber hinaus werden die Notenbanken weniger Liquidität zur Verfügung stellen und überschüssiges Geld absaugen. Im Verlauf des Jahres können auch die Leitzinsen in Europa und den USA angehoben werden.
Die Inflationsgefahr wächst. In den USA beträgt die Preissteigerung inzwischen schon wieder 2,7 Prozent. Vielleicht erhöhen sich auch die Risikoaufschläge bei Anleihen von Unternehmen, wenn die Insolvenzzahlen wieder steigen. Bei den Anleihen einiger Staaten mit hohen Budgetdefiziten drohen Zahlungsstörungen. Dabei sind die Renditen ohnehin schon so niedrig, dass sie niemanden vom Hocker reißen. Bei Kupons von 3 bis 3,5 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen bleiben dem Investor gerade mal ein Prozent nach Inflation und Steuern übrig.
Eine lange Liste von Argumenten gegen den Kauf von Bonds also. Das klingt auch alles logisch und überzeugend. 2010 wird daher ohne Zweifel ein schwieriges Jahr. Ich habe freilich den Eindruck, dass der Pessimismus derzeit übertrieben wird. So schlecht ist die Situation nicht. Hier ein paar Fakten zur Ehrenrettung der Festverzinslichen.
Zunächst ganz generell. Festverzinsliche gelten gemeinhin als langweilig und wenig attraktiv. Das mag für viele Länder und Zeiten auch richtig sein. Für Deutschland als dem größten Bondmarkt Europas gilt es nicht. In den letzten 40 Jahren waren Bonds ein besseres Investment als Aktien. Wer 100 D-Mark in 1970 in Renten anlegte, hat inzwischen durch Zinsen, Zinseszinsen und Kursgewinne ein kleines Vermögen von 750 Euro (gemessen am deutschen Rentenindex REX). Das entspricht einer Rendite von sieben Prozent. Das ist bei vergleichsweise geringer Volatilität nicht schlecht. Wer den gleichen Betrag in Aktien investierte, hat heute einschließlich der Dividenden trotz höherer Risiken nur rund 500 Euro, also ein Drittel weniger. Die Entwicklung in den einzelnen Dekaden war dabei allerdings sehr unterschiedlich. In den 70er Jahren hatten die Renten klar die Nase vorn. In den 80er und 90er Jahren performten Aktien besser. In den letzten zehn Jahren waren die Renten wieder erfolgreicher.
Ob sich der Erfolg der Renten so fortsetzen wird, ist freilich offen. Geholfen hatte in den letzten Jahren, dass die Inflation und damit die Renditen dank der Globalisierung langfristig zurückgingen. Das brachte Kursgewinne. Damit könnte es jetzt vorbei sein. Denn die Zinsen sind schon sehr niedrig und bei den Preisen sind wir knapp an der Deflation vorbeigeschrammt. Nur wenn es in Europa japanische Verhältnisse gäbe, könnten weitere Zinssenkungen möglich sein. Wenn es dagegen in einigen Jahren eine größere Inflation geben sollte, dann sind die schönen Zeiten für Bonds vorbei. Bis dahin ist es aber noch etwas hin.
Aber auch wer nicht so langfristig denkt, sollte Rentenanlagen nicht in Bausch und Bogen verdammen. So schlecht sind sie nicht:
- Kurzfristige Investments in Renten sind eine Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, bis sich wieder bessere Anlageperspektiven ergeben. Ein- oder zweijährige Papiere haben zwar nur eine geringe Rendite (0,5 bis ein Prozent), tragen aber auch nur ein geringes Kursrisiko.
- Die Inflationsgefahren sind auf Sicht von ein, zwei Jahren nicht groß. Die Preissteigerung wird in dieser Zeit kaum über zwei Prozent hinausgehen, wenn die Konjunktur nicht wider Erwarten einen stärkeren Spurt hinlegt. Von dieser Seite besteht also kein Grund für größere Zinssteigerungen.
- Die derzeitigen Renditen sind gemessen an den üblichen Modellen keineswegs zu niedrig. Es gibt hier keine Blase. Zu einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum von real ein bis zwei Prozent und einer Preissteigerung von zwei Prozent passt die derzeitige Rendite von drei bis 3,5 Prozent.
- Bei den Auktionen von Staatsanleihen gab es bisher keine Engpässe. Auch große Beträge konnten reibungslos platziert werden.
- Natürlich werden die kurzfristigen Zinsen steigen. Der Satz für 3-Monatsgeld könnte sich in den nächsten zwölf Monaten von derzeit 0,6 Prozent auf vielleicht 1,5 Prozent erhöhen. Das wird sich aber nur zum Teil an den Bondmärkten bemerkbar machen. Denn der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen ist derzeit ungewöhnlich hoch. Er wird sich verringern und damit den negativen Effekt der Zinssteigerung am kurzen Ende des Marktes auffangen.
- Es gibt auch am Bondmarkt immer wieder Opportunitäten. Im letzten Jahr konnten Anleger mit dem Kauf von Unternehmensanleihen gute Kursgewinne erzielen. In diesem Jahr könnten sich andere Kaufgelegenheiten ergeben, wenn die Zinsen in bestimmten Segmenten besonders anziehen. Ich denke etwa an Griechenland. Bei dem gegenwärtigen Zins von sechs Prozent für zehnjährige Papiere dieses Landes ist der Risikoaufschlag aus meiner Sicht noch zu klein. Wenn die Renditen aber auf sagen wir acht Prozent steigen, werden sie ein “Kauf”. Denn es ist unwahrscheinlich, dass Griechenland aus dem Euro ausscheidet. Die Gemeinschaft wird auch kaum tolerieren, dass es auf Dauer so hohe öffentliche Defizite und so wenig vertrauenswürdige Statistiken hat.
Ähnliches könnte auch bei anderen Schuldnern passieren. Anleihen von Argentinien würde ich freilich auch bei hohen Zinsen nicht kaufen. Hier sollte man nicht vergessen, wie Argentinien in der Vergangenheit mit seinen Schuldnern umgegangen ist. Es gibt zudem keinen Disziplinierungszwang durch die Partner in einer Währungsunion. Auch der Streit der Staatspräsidentin mit der Zentralbank ist kein Vertrauenssignal.
Für den Anleger
Dies ist kein Plädoyer für den Kauf von Bonds. Auch ich glaube, dass sich die Zinsen noch erhöhen. Ich halte den derzeitigen Pessimismus aber für übertrieben. Der Anstieg wird sich voraussichtlich in Grenzen halten (maximal einen halben Prozentpunkt, also von jetzt 3,3 auf vielleicht 3,8 Prozent für zehn-jährige). Wenn er geschafft ist, gibt es wieder Einstiegsgelegenheiten. Langfristinvestoren sollten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen.
© 22. Januar 2010 / Martin Hüfner
Dr. Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank in München und der Deutschen Bank in Frankfurt. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die New York Times, das Wallstreet Journal oder die Financial Times.
© Deutsche Börse AG
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